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(1. August Rede) Unschweizerisch: Klopfen wir uns gegenseitig auf die Schultern!

Gehalten in Wald ZH und Dürnten, es gilt das gesprochene Wort

Geschätzte Festbesucherinnen und Festbesucher,

Besten Dank für die Einladung nach Wald und die freundlichen Worte von Ortsparteipräsident Stefan Schweingruber.

Das letzte Mal, als ich in Wald war, war vor einem halben Jahr, genauer gesagt am 7. Februar 2015 an der Bahnhofstrasse. Bei zweistelligen Minustemperaturen kämpfte ich zusammen mit Stefan Schweingruber und Freunden für Stimmen für die Kantonsratswahlen. Ich bin froh, musste ich heute nicht die Winterhandschuhe anziehen. Wald präsentiert sich in seiner ganzen Pracht.

Nach dem genussvollen Brunch ist mir klar geworden, dass Sie heute wohl nicht extra wegen mir hierhergekommen sind. Trotzdem freut es mich sehr, als Gebürtiger Zürcher Oberländer und Präsident der Jungfreisinnigen des Kantons Zürich mit Ihnen den 1. August feiern zu dürfen.

Nur was soll heute der Inhalt meiner Rede sein? Soll ich über die missratene Energiestrategie 2050 oder über die Altersvorsorge, welche vor grossen Baustellen steht, sprechen? Ich könnte auch eine Rede zur Unabhängigkeit der Schweiz halten, da diese doch am 1. August stets im Mittelpunkt steht. Oder ich könnte über jene Bundesräte herziehen, die nicht immer so entscheiden, wie ich oder auch Sie es für richtig empfinden. Aufgrund meiner Tätigkeit in der Finanzbranche wäre hier meines Erachtens Frau Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf die Zielscheibe für Kritik am Geschehen in Bern. Meine bisherigen 1. August Reden beinhalteten unter anderem diese Themen. Und ich könnte heute dieselben Reden wie damals halten, da die meisten Probleme leider noch lange nicht gelöst sind.

An unserem heutigen Nationalfeiertag habe ich jedoch keinen Sack voller Ratschläge mitgebracht, sondern ein paar Gedanken, die ich gerne mit Ihnen teilen möchte.

Für meine Festrede in Wald habe ich mir überlegt, den Spiess umzudrehen und etwas ganz unschweizerisches zu machen. Wir machen es viel zu wenig und fühlen uns stets geschmeichelt, wenn andere dies tun: Auf die Schultern klopfen.

Gesellschaftliches Engagement…

Klopfen wir uns gegenseitig auf die Schultern, seien wir stolz auf unser Pflichtbewusstsein und auf unsere Solidarität. Denn neben der täglichen Arbeit bilden wir ein wichtiges Auffangnetz für Familie, Freunde und Nachbarn. Wir engagieren uns freiwillig in Dorfvereinen für die Gemeinschaft und helfen mit Rat und Tat denen, die Hilfe benötigen. Die Schweiz ist eine Willensnation. Ohne die Bürgerinnen und Bürger, die Jahrhundert alte Traditionen bewahrten und ausserordentliche Leistungen vollbracht haben, würden wir nicht da stehen, wo wir heute sind. Es liegt mir am Herzen, dieses gesellschaftliche Engagement zu würdigen. Denn hinter dem Fundament einer erfolgreichen Nation stecken tausende von ehrenamtlichen Arbeitsstunden, welche durch ein Schulterklopfen verdankt werden sollen.

1)    Ich denke da zum Beispiel an meinen Nachbarn, der sich in der Feuerwehr der Gemeinde engagiert. Nach den Übungen treffen sich die Feuerwehrleute jeweils zum lockeren Austausch bei Wurst und Bier. Diese Treffen gehen oft länger als Mitternacht. Trotzdem sind am nächsten Morgen alle fit und motiviert bei der Arbeit. Auf sie ist Verlass, wenn ein Unwetter das Oberland heimsucht oder ein Haus lichterloh brennt.

2)    Als junger Erwachsener komme ich auch mit unzähligen Sportvereinen in Kontakt. Diese ermöglichen uns einen spannenden Ausgleich zur täglichen Arbeit. Selber war ich im Fussball- sowie Tischtennisclub aktiv. Viele Freunde aus dieser Zeit engagieren sich noch heute in den jeweiligen Clubs in ehrenamtlichen Funktionen.

3)    Und vergessen wir nicht den Einsatz aller Eltern, die jeden Tag ihr Bestes geben für ihre Kinder. Denn die Erziehung und damit verbundenen Erfahrungen begleiten einem das Leben lang. Auch das ist gesellschaftliches Engagement.

Diese 3 Beispiele zeigen uns die Unverzichtbarkeit von gesellschaftlichem Engagement in einer funktionierenden Gesellschaft auf. Ein Bekannter von mir, dem ich vor dieser Rede erzählt habe, meinte folgendes: «In Süditalien ist die Gemeinschaft sehr stark, da der Staat schwach ist. In der Schweiz ist der Staat stark, da er von der Gemeinschaft getragen wird.» Eine spanende Aussage, von der ich zwei Punkte mitgenommen habe:

–       Der Staat wird nur dann von den Bürgern getragen, wenn er nahe am Geschehen, zurückhaltend und effizient ist

–       Die Gemeinschaft findet immer einen Weg, sich zu organisieren. Es wird jedoch umso schwieriger, je mehr Steine man ihr in den Weg legt.

Unser Wohlstand in der Schweiz basiert auf einer Gesellschaft, die durch ihren Zusammenhalt stark ist, Schwächen auszugleichen vermag und auf freiheitliche Grundsätze setzt. Wohlstand verpflichtet, vor allem auch meine Generation, sich nicht auf den Lorbeeren auszuruhen, sondern sich zielstrebig und motiviert zu entwickeln. Wir Jungen haben Glück, dass wir in der Schweiz aufwachsen durften. Wenn wir aber nichts unternehmen, spielt die Schweiz in ein paar Jahrzehnten nicht mehr in der Champions League mit. Ich möchte gerne nochmals eine Aussage von meinem Bekannten aufgreifen. Er sagte treffend: «Früher wünschte man sich, dass es der kommenden Generation besser geht, als der heutigen. Heute ist das Ziel, dass die Jungen ein gleichwertiges Leben wie ihre Eltern und Grosseltern führen können.» Es braucht ein Umdenken. Denn Wohlstand wird jeden Tag neu erarbeitet. Unsere Bürgerinnen und Bürger sind in der Schweiz in ein gut funktionierendes politisches und soziales System eingebettet, dass sich nicht neu erfinden muss. Darauf sind wir stolz und dankbar, besonders wenn wir zum heutigen Zeitpunkt über die Grenzen schauen. Es liegt in der Verantwortung von uns Jungen, darauf aufzubauen und die Zukunft aktiv mitzugestalten.

Denn die gesellschaftlichen Verpflichtungen können nicht nur von Politikern gelöst werden. Glauben Sie mir, nach 4 Jahren von aktivem Engagement in der Politik habe ich gemerkt, dass es sich oft um einen Zirkus handelt und viele Politiker nur für ihre eigenen Wählerinnen und Wähler oder Interessen einstehen. Diese Situation motiviert mich umso mehr, Gesetze zu entschlacken und die Entscheidungskompetenz weg vom Staat und zurück zum Bürger zu delegieren. Denn Sie kennen Ihre Bedürfnisse und Wünsche am besten. Und schlussendlich sind Sie es, die Tag für Tag mit Gesetzen und Regeln konfrontiert sind und diese einhalten müssen. Die Verantwortung zur Weiterentwicklung der Schweiz liegt somit in den Händen der engagierten Bürgerinnen und Bürger.

Durch meine zahlreichen Kontakte mit Persönlichkeiten von jung bis alt, arm bis reich und insbesondere von links bis rechts habe, stelle ich zwei konstante Eigenschaften fest:

  • Wir sind einzigartig, haben verschiedene Interessen, Vorlieben und Fähigkeiten
  • Wir alle wollen der Gesellschaft auf unsere ganz eigene Art etwas zurückgeben

Der Mythos der egoistischen Schweizer, die am liebsten alles für sich behalten wollen, stimmt nicht. Denn eine Gesellschaft kann nur erfolgreich sein, wenn Sie auf den freiwilligen Austausch von Gütern und Dienstleistungen setzt. Wir vergessen oft, dass ein Grossteil unserer Arbeit nicht finanziell entschädigt wird. Niemand bezahlt uns die Dienste, welche wir täglich für Familie und Freude erledigen. Deshalb ist heute der Moment gekommen, um Danke zu sagen und uns gegenseitig auf die Schultern zu klopfen.

… bedingt Freiheit …

Unseres Gesellschaftsmodell funktioniert bestens: Wir haben verglichen zum Ausland mehr Markt und weniger Staat – weniger Schulden und mehr Wohlstand. Ohne den Einsatz der Gesellschaft wäre dies nicht möglich gewesen. Seien wir ganz unschweizerisch heute: Klopfen wir uns gegenseitig auf die Schultern und seien wir stolz auf unsere Heimat!

Ich bin der Überzeugung, dass unsere schweizerische Mentalität für eine prosperierende Gesellschaft enorm wertvoll ist. Diese ist ganz im Sinne des Wahlspruchs der Schweizerischen Eidgenossenschaft aus der Zeit, als die Freisinnigen den Bundesstaat aufbauten: «Unus pro omnibus, omnes pro uno», lateinisch für «Einer für alle, alle für einen». Die schweizerische Gesellschaft lebt Tag für Tag nach diesem Motto: zueinander schauen und andere respektieren, das ist die Devise. Doch diese Werte sind in Gefahr:

  • Immer mehr Menschen zieht es in die Agglomeration und die Stadt. Das Leben wird immer schneller und somit auch anonymer. Diese Entwicklung wird auch Urbanisierung genannt. Diese bringt viele gute Eigenschaften – aber auch Herausforderungen – mit sich. Unsere Städte wachsen rasant an und bieten einen Lebensraum für verschiedenste Kulturen, Altersgruppen und soziale Schichten. Ausserdem wird der Wohnort heute viel öfter gewechselt als früher, um der beruflichen und privaten Situation gerecht zu werden. Der soziale Zusammenhalt ist somit gefährdet und es liegt an uns, an der Gesellschaft, dafür ein Bewusstsein zu schaffen und weiterhin freundschaftlich miteinander umzugehen.

Wenn wir diesen Entwicklungen nur zuschauen und nichts unternehmen, verschwinden die Eigenverantwortung und das Leistungsprinzip vollkommen. Ich will mit Hilfe der Jungfreisinnigen den Staat auf Diät setzen, denn nur ein schlanker und effizienter Staat ermöglicht es den Bürgern, Wohlstand zu generieren und in Freiheit zu leben.

Die Schweiz sollte das Land der Chancen und der Freiheit sein – und nicht das der Verbote und der Bevormundung. Das Zauberwort heisst Föderalismus.

Man mag ihn als «Kantönligeist» negativ in Verbindung bringen, doch ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass der Wettbewerb unter den Institutionen sowie die Nähe der Politik und Verwaltung zum Bürger einen grossen Beitrag zu unserem Erfolg leisten. Denn nur eine bürgernahe Politik lässt Raum für gemeinschaftliches Engagement und für Selbstverwirklichung. Wenn wir diese Freiheiten aufgeben und immer mehr Ämter zentralisieren, verliert sich die Gesellschaft in der Anonymität. Die Bürgerinnen und Bürger würden vermehrt Ansprüche an den Staat stellen, und somit für das Staatswachstum mitverantwortlich sein. Es ist in der Tat einfacher, sich hinter einer demokratischen Mehrheit zu verstecken, als für seinen Erfolg in der Arbeitswelt selbst verantwortlich zu sein. Wir treffen den Gemeindepräsidenten per Zufall beim Einkaufen ein oder begegnen dem Bundesrat in der S-Bahn zur Arbeit. Dank dieser Nähe können Bürgerinnen und Bürger ihre Ansichten direkt und unkompliziert in die Politik einbringen und die Politiker merken, was das Volk beschäftigt. Eine gelebte direkte Demokratie hält die Schweiz fit. Wohin uns zentralistische Ideen führen, kann in viele Staaten der Europäischen Union beobachtet werden. Dies ist der falsche Weg, um langfristig erfolgreich zu sein.

… und Verantwortung.

Neben ausreichend Freiheit bedingt eine funktionierende Gesellschaft auch verantwortungsvolles Handeln. Die Griechenlandkrise hat uns gezeigt, dass niemand die Verantwortung für ein Kollektiv übernimmt, sondern am Schluss die Gesellschaft als Ganzes für die Fehlentscheide einzelner haften muss. Umso wichtiger ist es also, die politische Macht so dezentral wie möglich zu halten. Wenn ein durch die Gemeinde finanziertes Schwimmbad plötzlich 20 % mehr kostet, werden die Verantwortlichen relativ schnell Rede und Antwort stehen müssen. Wenn der Bund bei einem IT Projekt Steuermillionen in den Sand schmeisst, merken dies nur aufmerksame Journalisten und der Aufschrei bleibt aus. Wer wird die Verantwortung für Pläne wie die der Energiestrategie 2050 übernehmen? Wohl kaum die Bundesrätin, welche hauptsächlich an der Strategieausarbeitung beteiligt ist. Seien wir wachsam, wenn uns Versprechungen auf eine lange Zeit gemacht werden.

So gilt es, weiterhin für eine starke Zivilgesellschaft einzustehen, und den Staat auf ein gesundes und schlankes Mass zu beschränken. Denken Sie dabei auch an die Jugend, die Zukunft der Schweiz. Wir hoffen, dass wir keine horrenden Staatsschulden aus übereifriger Staatstätigkeit oder Rentenversprechen übernehmen müssen. Wir möchten uns in Freiheit entwickeln können, ohne dass  jede Handlung staatlich reguliert und eingeschränkt wird. Wir dürfen Ihnen dankbar sein, dass sie so viel für das wunderbare Land geleistet haben. Geben sie uns das Vertrauen und die Narrenfreiheit, Risiken einzugehen, um für das Leben dazuzulernen. Wir werden dankbar sein und uns anstrengen, weiterhin positiv an der Schweizer Entwicklung mitzuwirken.

Abschliessend will ich Sie mit einem von mir abgeänderten Gedicht, in Anlehnung an die «Zehn kleinen Negerlein», auf den existierenden Bevormundungsstaat einstimmen:

Zehn kleine Schweizer,

kamen auf die Welt,

da wollte der Staat von ihnen noch kein Geld.

Zehn kleine Schweizer,

bekamen einen Namen,

einer war nicht gesetzeskonform,

so waren’s nur noch Neun in der Norm.

Neun kleine Schweizer,

spielten in der Krippe wild,

einer fiel vom nicht EU-normierten Bobby Car,

so waren nur noch Acht im Bild.

Acht kleine Schweizer,

gingen stramm zur Schule,

einer wurde weisungswidrig stets chauffiert,

so waren nur noch Sieben involviert.

Sieben pubertierende Schweizer,

tanzen gerne in die Nacht,

einer vergass das weihnachtliche Tanzverbot,

so waren’s nur noch Sechs im Boot.

Sechs Schweizer Junggesellen,

freuen sich auf die Ehe,

der Schwule wird vom Gesetz geprellt,

so sind nur noch Fünf gleichgestellt.

Fünf stramme Schweizer,

wollen in den Ausgang,

der eine Babysitter hatte kein Diplom,

so blieb einer Zuhause bei seinem Gnom.

Vier stolze Schweizer,

fliegen nach Übersee,

des einen Daten, hat die Bank verraten,

so sassen nur noch Drei beim Truthahnbraten.

Drei selbständige Schweizer,

arbeiten Tag und Nacht,

den einen hat die Steuerlast erschlagen,

das liegt den anderen Zwei schwer auf dem Magen.

Zwei alte Schweizer,

sehen die Zukunft mit Genuss,

die staatliche Zwangspension war für den einen ein Muss,

so bleibt nur einem Schweizer Selbstbestimmung und Lebenslust.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Lass dich niemals vom Staate jagen.

Denn Freiheit ist ein unbezahlbares Gut, welches Tag für Tag eingeschränkt wird.

Zusammen aus allen Gesellschaftsschichten können wir daran arbeiten, dass die Schweiz auch in 50 Jahren noch lebenswert ist. Die Schweiz lebt vom Engagement Ihrer Bürger, aber dazu muss der Staat seinen Bürgern auch Platz lassen. Wir müssen den Staat auf Diät setzen, denn sonst frisst er uns den Raum für die Eigenverantwortung und das Leistungsprinzip weg, welches unser Land so erfolgreich macht. Der Wahlspruch der Schweiz ist «Einer für alle – alle für einen». Und nicht einer zu Lasten der anderen.

Lasst uns diese Aufgabe anpacken und lasst uns gegenseitig auf die Schultern klopfen. Sinnbildlich für die Leistungen, welche wir tagtäglich erbringen. Auf uns, auf die Schweiz, und auf die Freiheit!


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