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Das Präsidium einer Jungpartei als Sprungbrett in die nationale Politik (Tagblatt)

Sie sind jung, haben aber schon viel bewegt: Frühere Präsidentinnen und Präsidenten von Jungparteien ziehen im Nationalrat ein. Ein Phänomen, das nach den Jungsozialisten auch andere Parteien ergriffen hat.

Auf Cédric Wermuth (33) folgten erst Fabian Molina (29), dann Tamara Funiciello (29). Alle drei präsidierten einst die Juso, alle drei schafften danach den Sprung ins nationale Parlament. Eine vierte Jungsozialistin bewarb sich zwar vor drei Jahren um das Präsidium der Juso, unterlag aber in der Wahl gegen Funiciello: die heute 25-jährige Baselbieterin Samira Marti. Die frühere Co-Chefin der Juso Baselland rutschte vor einem Jahr als damals jüngste Nationalrätin nach, als Susanne Leutenegger Oberholzer ihr Amt abgab.

Im Oktober gelang Marti die glanzvolle Wiederwahl. Zusammen mit der Zürcherin Mattea Meyer (31) und dem Walliser Matthias Reynard (32) sitzen zwei weitere Vertreter der Jungsozialisten im Nationalrat.

Provokation als bewährtes Mittel

Die Jusos sind äusserst prominent unter der Bundeshauskuppel vertreten. Doch sind sie längst nicht mehr die einzigen Nationalräte, die in einer Jungpartei gross wurden und schnell Karriere machten. Der frühere Präsident der Jungen SVP Erich Hess (38) sitzt seit vier Jahren im Nationalrat. Was diese Jungpolitiker bisher auszeichnete: Sie wissen das Mittel der Provokation gekonnt für ihre Zwecke zu nutzen: Sie regen neue Diskurse an, sie generieren Aufmerksamkeit. So erlangten sie schnell nationale Berühmtheit.

Zu Hess gesellte sich vor einem halben Jahr der 27-jährige Metzger Mike Egger aus St. Gallen, der den Sitz des früheren SVP-Präsidenten Toni Brunner erbte. Er leitete zuvor die Junge SVP St. Gallen. Im Oktober neu gewählt wurde der frühere Präsident der Jungfreisinnigen, Andri Silberschmidt (25). Simon Stadler (31) aus Altdorf ist einziger Nationalrat des Kantons Uri und Mitglied der Jungen CVP. Und für die Jungen Grünen politisieren neu zwei ehemalige Kantonalpräsidentinnen in Bern: Franziska Ryser (28) aus St. Gallen und Meret Schneider (27) aus Zürich.

Erst politisches Mandat verleiht Gewicht

Die frisch Gewählten führen ihren Wahlerfolg nicht alleine auf ihr Engagement in der Jungpartei zurück – obwohl auch sie Aufsehen erregten, wenn auch auf kantonaler Ebene. Aufmerksamkeit alleine reiche nicht, sagt Andri Silberschmidt. Das Präsidium einer Jungpartei sei für ihn mehr eine Bühne als ein Sprungbrett. «Es kommt sehr darauf an, was man daraus macht.» Die Jungfreisinnigen mischten aktiv bei nationalen Abstimmungen wie der Rentenreform mit – und fanden Gehör in der Öffentlichkeit. Doch erst sein Amt als Zürcher Gemeinderat habe ihm die nötige Glaubwürdigkeit innerhalb der Partei verschafft, sagt Silberschmidt. «Ich konnte beweisen, dass ich anpacken und politische Lösungen ausarbeiten kann.»

Auch Mike Egger meint, dass eine Jungpartei zwar gute Chancen eröffne, sich erstmals politisch zu engagieren. «Denn Jungparteien getrauen sich, auch politisch ‹heikle› Themen anzureissen.» Für ihn sei aber die Kombination mit dem Kantonsratsmandat wichtig gewesen: «So konnte ich über Vorstösse wichtige Anliegen aufgleisen, die dann auch zum Erfolg führten. Etwa das Verhüllungsverbot oder die Einschränkung der Sozialhilfe bei renitenten und unkooperativen Bezügern.»

Für Franziska Ryser entpuppte sich das Präsidium des Stadtparlaments, das sie vor zwei Jahren innehatte. «Als höchste St. Gallerin hatte ich eine überparteiliche und repräsentative Funktion. Das erlaubte es mir, bei öffentlichen Auftritten auch auf Wähler zu treffen, die nicht unbedingt zu meinem Wählersegment gehören.»

Klassische Ochsentour mit 20 Jahren gestartet

Was Ryser, Egger, Stadler und Co gemeinsam haben: Trotz ihres zarten Alters blicken sie auf eine mehrjährige politische Karriere zurück. Mit 21 Jahren beginnt Ryser im St. Galler Stadtrat. Egger ergatterte mit 19 einen Sitz im Kantonsrat St. Gallen und Stadler politisiert seit bald acht Jahren im Urner Landrat und präsidierte dort die Gesundheits-, Sozial- und Umweltkommission.

Abgesehen vom eigenen Engagement betonen die Neo-Nationalräte, dass sie auch von der Mutterpartei gefördert und aufgebaut wurden. Erst der Platz auf der Hauptliste für die nationalen Wahlen ermöglichte ihnen schliesslich den Sprung nach Bern.

Für Bisherige sind die Jungen zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz erwachsen: In manchen Kantonen überholten sie bei den Wahlen bekannte Namen wie Corrado Pardini (SP/BE), Thomas Müller (SVP/SG) oder Hans-Ulrich Bigler (FDP/ZH).

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